Temple Copal – Sacred White Copal
Von diesen Stäbchen habe ich Anfang des Jahres (2026) zwei Packungen auf Kleinanzeigen gefunden.
Die Vorbesitzerin hatte sie von einer Reise nach Mexiko mitgebracht.
Ich war schon länger neugierig auf Copal-Räucherstäbchen, aber bisher waren sie mir immer zu teuer, nur um sie mal auszuprobieren. 12€ und mehr sind für eine Packung mit 10 Stäbchen völlig normal.
Als ich über meinen Zufallskauf nachrecherchiert habe, war ich über den Preis schockiert.
Eine Packung dieser Stäbchen wird auf Temple Copal für satte 26$ verkauft. Das sind mit Abstand die teuersten Exemplare, die mir je untergekommen sind!
Es sind 10 Stäbchen enthalten. Es wird weder Länge noch Gewicht angegeben, aber eine Brenndauer von 90 Minuten.
Ich habe sie nach Erhalt gemessen und gewogen: Sie sind 27,5cm lang und eine Packung wiegt (samt Tüte) gute 45g.
Ich hatte zwar schon einige Erfahrungen mit Harz-Räucherstäbchen, aber keine von denen hatte diese besondere Optik, die für Copal-Stäbchen typisch zu sein scheint: diese leuchtend weiße Farbe, so als wäre es wirklich pures Harz auf den Stäbchen …

Sobald ich die Stäbchen in Händen hielt, wurde ich skeptisch. Einzelne Stäbchen zeigten tiefschwarze Flecken, so als wäre ein Luftbläschen unter einer Beschichtung geplatzt und der nun offene Hohlraum gäbe die Sicht auf das Innere frei. Dabei ist die Schicht hauchdünn. Das Weiß ist hochdeckend; zu deckend für natürliches, reines Harz.
Beim Anzünden wurde aus meiner Vermutung dann Gewissheit: Dem Harz ist ein weißes Pigment zugesetzt, um die Stäbchen so strahlend weiß wirken zu lassen. Beim Schmelzen sollte das Harz durchsichtig werden, aber es bleibt opak.

Ich wollte es genauer wissen.
Harz löst sich leicht in Alkohol, also habe ich ein Stäbchen in ein Laborglas gesteckt und 99,99-prozentigen Isopropanol hineingegossen.
Die Beschichtung hat schon nach wenigen Sekunden angefangen, sich aufzulösen und die Flüssigkeit weiß zu verfärben. Ich habe das Stäbchen etwa 10 Minuten einweichen lassen und dabei immer wieder bewegt.
Nach dem Herausnehmen habe ich es vorsichtig abgetupft und über Nacht ausdampfen lassen.
Das Stäbchen hat nicht ganz in das Glas gepasst; das untere Drittel ist also unverändert geblieben. Man sieht jetzt einen deutlichen Übergang von Weiß zu Schwarz.
Die Stäbchen sind tatsächlich nur mit einer sehr dünnen Schicht von dieser Harz-Pigment-Mischung überzogen. Das Innere ist kohleschwarz.

Das Startgewicht lag bei 3,69g.
Nach dem „Waschen“ wog das Stäbchen noch 3,45g. Das ist ein Unterschied von gerade mal 0,23g.
Bedenkt man den Rest an Harz, der auf dem Stäbchen geblieben ist, könnte man – großzügig gerechnet – davon ausgehen, dass ein Stäbchen mit ca. einem halben Gramm Copal (und Pigment) beschichtet ist.
Das sind pro Packung etwa 5g weißer Copal.
So sehen 0,5g weißer Copal (Bursera bipinnata) aus:

Die zurückgebliebene Lösung sah fast aus wie weiße Tusche, was mich auf die Idee gebracht hat, die Flüssigkeit auf schwarzes Kartonpapier zu gießen und trocknen zu lassen.
Ich habe die Pigmente sich über Nacht setzen lassen, dann die klare Flüssigkeit in einen zweiten Becher umgefüllt und den Rest auf schwarzes Papier ausgeleert.


Am nächsten Tag war der Alkohol verdunstet und das Papier hatte einen schönen, wenn auch dezenten Duft von weißem Copal.
Aus dem Becher mit der klaren Flüssigkeit habe ich den Alkohol ebenfalls verdunsten lassen, um zu sehen, wie viel Harz darin gelöst war.



Das ist die komplette Menge Harz, die ich aus dem Becher herauskratzen konnte.
Das sagen Temple Copal über ihre Stäbchen:
Dieser Copal stammt aus verschiedenen Kooperativen in den Bundesstaaten Oaxaca, Guerrero und Hidalgo, Mexiko.
Wir bieten das reinste und hochwertigste Copalharz an, das erhältlich ist. Länger der Luft ausgesetzt, verhärtet unser Copal von einem gelben, harzartigen Zustand zu einem weißen, steinartigen Harz. Diese Reife verleiht ihm ein intensiveres, harziges Aroma und eine starke reinigende und klärende Fähigkeit. Wo andere behaupten, weißes Copal zu sein, halten wir tatsächlich den Standard, schätzen Qualität und Transparenz.
Zusätzlich sind unsere heiligen Stäbchen von Hand in reinem Harz vollständig überzogen. Wir „verschneiden“ unser Copal nicht, indem wir irgendwelches Füllmaterial hinzufügen, noch träufeln oder streuen wir unser Copal auf das Stäbchen.
TEMPLE COPAL ist aus 100% reinem Zeremoniengrad weißen Copal hergestellt – keine Füllstoffe, keine Zusatzstoffe, kein Sparen am Harz. Jedes Stäbchen bietet eine Brenndauer von über 90 Minuten; löschen und wieder anzünden, wie Sie möchten.
Temple Copal stammt aus Wildsammlung, was keine landwirtschaftliche Erschöpfung oder Abholzung erfordert. Copal ist ein natürlich vorkommendes Baumharz, das von dem Bursera bippinata-Baum tropft und gesammelt wird. Keine Bäume werden während des Harzernteprozesses getötet und kein Land wird gerodet, um Copal anzubauen oder zu bewirtschaften.
WEISSES Copal ist das seltenste und wertvollste aller Copalharze, da es am längsten natürlich gealtert ist. […]
Der Text ist wirklich geschickt formuliert, vor allem der Teil „Zusätzlich sind unsere heiligen Stäbchen von Hand in reinem Harz vollständig überzogen.“ Man könnte denken, sie meinen damit das Trägerstäbchen – aber nein – es ist ein ca. 3.5g schweres Kohlestäbchen.
Und „zusätzlich“ wozu? Abgesehen von dem Überziehen der Stäbchen ist vom Vertigungsprozess nichts beschrieben.
Von der Kohle wird in ihrer ausführlichen Beschreibung kein Wort erwähnt. Auch nicht von dem Pigment, mit dem ihr „unverschnittenes“ Harz versetzt ist.
Sie schreiben von Transparenz, aber ihr Werbetext ist so undurchsichtig wie ihr gefärbtes Harz.
Wie sehr sie die weiße Farbe unterstreichen, ist schon witzig. Scheinbar hat die natürlich weiße Färbung des Harzes nicht ausgereicht, um die Kohle zu überdecken.
Basierend auf dem Geruch bin ich mir sicher, dass sie tatsächlich Bursera bipinnata Copal verwenden, und es mag auch von der höchsten Qualität sein, allerdings sind in den Stäbchen nur schätzungsweise 11% enthalten.
Man zahlt also effektiv 26$ (aktuell 22,77€) für (großzügig geschätzt) 5g Bursera bipinnata Harz und eine großzügige Menge Kohle.
Zum Vergleich liste ich hier die Preise unterschiedlicher guter Räucherwerkhändler auf:
- Jeomra’s Räucherwelt (DE): 8,90€ für 25g
- Resinae Botanica (UK): 9,12€ für 20g
- Apothecary’s Garden (CA): 13,14€ für eine Unze (28,34952 Gramm)
Mit dem, was ich über Räucherwerkherstellung weiß, und den vagen Informationen aus dem Text, vermute ich, dass die Stäbchen hergestellt werden, indem handgefertigte „Blanks“ (bestehend aus mit einer Kohlepaste beschichteten Bambusstäbchen) in eine Alkohollösung aus Copalharz und Pigment getaucht werden. So oft, bis die Beschichtung deckend wirkt, wie eine Glasur.
Das verwendete Pigment könnte Titanoxid sein.

Auf dem Instagram-Profil von Temple Copal besagt der letzte Post vom 23. Juni, dass sie gerade daran arbeiten, die Marke zu rebranden. Zukünftig werden Temple Copal also in anderer Verpackung verkauft werden.
Es sieht so aus, als würden sie auch das Logo austauschen.
Nun – endlich – zum Duft:
Die rohen Stäbchen riechen harzig; nicht sehr intensiv, aber erkennbar nach Bursera bipinnata.
Ein Stäbchen anzuzünden ist nicht schwierig, die Kohle unter der dünnen Schicht aus Harz fängt schnell an zu glühen.
Der Geruch ist harzig, aber bei weitem nicht so intensiv, wie solch dicke Stäbchen vermuten ließen. Auch die Menge des produzierten Rauchs ist eher moderat.
Ich finde, man kann es als Copal erkennen, aber spiegelt bei weitem nicht die Komplexität und Schönheit wider, welche dieses Material zu bieten hat.
Ich rieche eine stechend-rauchige Note, die bei den meisten Harzen entsteht, wenn man sie auf Kohle verräuchert. Und man riecht die Kohlebasis sehr deutlich.
Selbst als ich einmal ein Stäbchen auf dem Balkon getestet habe, ist mir der Kohlegeruch stark aufgefallen, so als würde ein Nachbar gerade den Grill anheizen.
Für das, was man bekommt, sind Preis und Marketing dieser Stäbchen eine echte Frechheit.
Ich hoffe stark, dass dies nicht die übliche Fertigungsmethode für Copal-Räucherstäbchen ist.
Haben Sie irgendwelche Copal-Räucherstäbchen probiert? Wenn ja, wie waren Ihre Erfahrungen?
